Life in the 22nd Century

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Hotel zum verunglückten Bergsteiger

13.04.2019

Buchcover

Zum Inhalt

Eigentlich wollte Polizeiinspektor Glebski nur Urlaub machen. Er besucht auf Empfehlung eines Freundes das idyllisch in einem Tal gelegene Hotel mit dem ungewöhnlichen Namen.

Hier lernt er dessen Besitzer und Wirt Alec Snewar kennen. Von ihm erfährt er auch, wie die Herberge zu ihrem Namen gekommen ist. Im Hotel angestellt ist außerdem die etwas einfältige Kaisa. Sie arbeitet in der Küche und als Zimmermädchen. Dann gibt es noch den Bernhardiner Lel, von dem Snewar behauptet, er wäre besonders intelligent.

Zur gleichen Zeit halten sich noch weitere recht skurrile Gäste am Ort des Geschehens auf. Da wäre der Zauberkünstler du Barnstocre und das Kind, bei dem man lange nicht weiß, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt.

Der Wissenschaftler Simonet hatte ursprünglich vor, die nahe gelegenen Berge zu erklimmen, kommt aber, wie er selbst betont, wegen des Schnees nicht an sie heran. So vertreibt er sich die Zeit mit Billardspielen und dem Ausprobieren von Kletterkunststückchen an Wänden und Türen im Hotel.

hotel  simonet  brun 

Glebski trifft außerdem auf das Ehepaar Moses. Der knurrige Alte ist ständig mit einem großen Humpen in der Hand unterwegs und will nicht so recht zu seiner bezaubernden Frau Olga passen.

Zu dieser Menagerie skurriler Gestalten gesellen sich später noch der blonde, kraftstrotzende Olaf Andvarafors und der zwielichtige Hinkus, angeblich ein Anwalt für Minderjährige.

Die Atmosphäre im Hotel ist angefüllt mit Mystifikationen eigentlich ganz banaler Alltagsdinge. So verschwinden persönliche Gegenstände der Hotelgäste, um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Eine Dusche läuft, ohne das sich jemand im Waschraum aufhält. In leeren Räumen riecht es nach Pfeifenrauch. Dem Hotelbesitzer kommen diese Phänomene anscheinend sehr gelegen. Tragen sie doch zur Unterstützung der mystischen Stimmung um die tragische Figur des verunglückten Bergsteigers bei. Dessen Geist scheint immer noch durch das Hotel zu spuken.

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Am Abend des ersten Tages ist in den nahen Bergen eine Explosion zu hören. In deren Folge geht eine Lawine ab und versperrt den einzigen Zugang zum Tal. Auch die Telefonverbindung ist unterbrochen. Die Hotelgäste und ihr Wirt sind jedoch nicht besorgt, verfügt das Hotel doch über ausreichend Vorräte. Der Kontakt zur Außenwelt sollte in wenigen Tagen wieder hergestellt sein.

moses  glebski und snewar  lel 

Kurze Zeit später begehrt ein einarmiger Mann Einlass. Er ist in einem sehr schlechten körperlichen Zustand. Glebski und Snewar kümmern sich um ihn. Der neue Gast wehrt jedoch jede Frage zu seiner Herkunft ab und beharrt auf seinem immer wieder geäußerten Wunsch, Olaf Andvarafors sehen zu wollen.

Als der Inspektor diesen deshalb aufsucht, findet er die Zimmertür verschlossen. Auf sein lautes Klopfen wird nicht geöffnet. Kurzentschlossen verschafft er sich mit Hilfe des Wirts Zutritt.

Sie finden Andvarafors leblos auf dem Boden liegend vor. Er wurde offensichtlich ermordet. Jemand muss ihm das Genick gebrochen und dabei den Kopf um 180 Grad auf den Rücken gedreht haben.

mord  hinkus greift an  glebski 

Polizeiinspektor Glebski nimmt die Ermittlungen auf und beginnt mit der Befragung der Hotelgäste. Aber die meisten verhalten sich anfangs wenig kooperativ.

Im Laufe der nächsten Stunden verdächtigt er nacheinander verschiedene Personen, um sie wenig später wieder von jeder Schuld freizusprechen zu müssen.

Bei der Ermittlungsarbeit geht Glebski an seine körperlichen Grenzen. Die stundenlangen Verhöre schlauchen ihn, er ist übermüdet, fühlt sich überfordert. Ein Hotelgast greift ihn sogar an.

Am Ende offenbart sich ihm ein Geheimnis, dass so phantastisch ist, dass er es kaum glauben kann.

Moses und seine Begleiter verstecken sich im Hotel vor einer Verbrecherorganisation, die Ihnen jedoch auf die Spur gekommen ist. Nun dreht sich alles um einen Koffer, eines von Olafs Gepäckstücken. Darin soll sich eine Art Akkumulator befinden. Glebski nahm diesen im Zuge der Mordermittlung an sich und ist nicht bereit, ihn wieder herauszurücken. Offensichtlich haben Moses und seine Getreuen in der Vergangenheit mit gefährlichen Verbrechern gemeinsame Sache gemacht. Glebski ist deshalb der Meinung, dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Hin und her gerissen zwischen Pflichterfüllung und Hilfsbereitschaft für die Verfolgten zögert Glebski.

Der Inspektor lässt sich für seine Entscheidung zuviel Zeit. So kommt es zum tragischen Showdown im Schnee und noch viele Jahre wird Peter Glebski wegen seines zögerlichen Handelns mit sich selbst hadern.

Hintergrund

Der Roman wurde von den Autoren während einer für sie sehr schweren Zeit geschrieben. Das Ende der 1960er Jahre war geprägt von Konfrontationen mit den staatlichen Behörden. Außerdem steckten sie zu diesem Zeitpunkt in einer kreativen Krise. Ihre Werke wurden nicht in ausreichendem Maße gedruckt. So war es notwendig, ein Buch zu schreiben, das problemlos veröffentlicht werden konnte, um damit etwas Geld zu verdienen. Eine eigene Detektivgeschichte interessierte die Strugatzkis schon lange. Angeregt wurden die Autoren durch den Kriminalroman „Das Versprechen“ von Friedrich Dürrenmatt. [1]

Relativ zügig wurde 1969 mit der Arbeit am Werk begonnen und noch im selben Jahr beendet. Der Roman erschien erstmals 1970 in der Zeitschrift „Junost“.

Die ursprüngliche Fassung galt lange Zeit als verschollen. In Deutschland war der Roman bis jetzt nur in einer deutlich gekürzten Version erhältlich. Für die jetzt vorliegende Neuausgabe verglich Erik Simon Originaltext und Übersetzung und fügte einen erheblichen, bislang fehlenden Teil hinzu. Im Zuge dieser Überarbeitung wurden auch einige offensichtliche Übertragungsfehler korrigiert.

Persönliche Wertung

Urkomisch, fesselnd und trotzdem zum Nachdenken anregend, so möchte ich dieses Werk der Strugatzkis umschreiben.

Boris und Arkadi Strugatzki vermischen gekonnt die Genre Fantasy, Kriminalroman und Science-Fiction zu einer phantastischen Geschichte. Es macht Spaß, ihrem Fortgang zu folgen.

Es gibt einen barfüßigen Geist, Silberkugeln, einen Mord in einem abgeschlossenen Raum. Außerdem sind ein paar ziemlich skurrile Typen in einem von der Außenwelt abgeschnittenen Hotel versammelt. Es gibt sogar einen Charakter, der sein Geschlecht verborgen hält und damit alle anderen Gäste zum Enträtseln seiner Identität herausfordert.

Auch wenn die Mysterien um den toten Bergsteiger einen Großteil des ersten Teils des Romans einnehmen und die Handlung etwas dahinplätschert, nimmt die Sache zur Hälfte des Buches eine rasante Wendung. Eine Lawine trennt die Gäste von der Außenwelt, es geschieht ein Verbrechen und die Mordermittlung beginnt.

Der müde Detektiv wirkt schon nach wenigen Stunden erschöpft. Seine Ermittlungen kommen nicht so recht voran. Denn jede Person im Hotel verbirgt ein bizarres Geheimnis. Trotzdem scheint Inspektor Glebski der Einzige zu sein, der in der Lage ist, das Rätsel zu lösen.

Die seltsamen Wendungen der Handlung und die anschauliche Zeichnung der Charaktere verleihen dem Buch seinen besonderen Reiz. Auch blitzt der wunderbare und hintergründige Humor der Autoren in einigen Szenen auf.

Zudem scheinen die Strugatzkis eine Vorliebe dafür zu haben, ihre Leser in die Irre zu führen. So schaffen sie es, den Leser davon zu überzeugen, dass etwas mit ziemlicher Sicherheit wahr ist, nur um dies in der nächsten Minute zu widerlegen und dadurch das Geheimnis am Leben zu erhalten. Niemand in ihrem Roman scheint das zu sein, was er vorgibt.

Den Autoren gelingt es, ihren Lesern die Persönlichkeit des Peter Glebski sehr nahe zu bringen. Seine Handlungen und sein Ringen mit der Entscheidung kurz vor Ende des Romans sind nachvollziehbar. Seine Befürchtungen, Sorgen und seine Verzweiflung übertragen sich auf den Leser. Und man spürt mit ihm gemeinsam ein tiefes Bedauern wegen des tragischen Endes.

Zum Buch

Russischer Originaltitel: Отель «У Погибшего Альпиниста»
Autoren: Arkadi und Boris Strugatzki (auch Strugazki)
Deutsch: Ruprecht Willnow (ergänzt und überarbeitet von Erik Simon)
Verlag: Golkonda Verlags GmbH & Co. KG, München
Seitenzahl: 250
Ausgabe: Paperback

Quellen

[1] Отель «У Погибшего Альпиниста» - Russische Wikipedia

[2] Hotel zum verunglückten Bergsteiger – A. u. B. Strugatzki, Golkonda Verlags GmbH & Co. KG, München 2018

[3] Buchcover - Benswerk

[4] Die Illustartionen des Künstlers Gennady Novozhilov stammen von der Seite "Фантасты братья Стругацкие: Иллюстрации: Новожилов Геннадий Дмитриевич". Sie erschienen in dieser Buchausgabe: Юность. – 1970. – ьь 9-11.

Die Veröffentlichung der Zeichnungen in dieser Rezension erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch Vladimir Borisov (Redakteur der Seite "Фантасты братья Стругацкие").

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