Praktikanten
12.07.2010
Zum Inhalt
Jura Borodin, ein junger Vakuumschweißer, hat den Anschluss an seine Gruppe verloren, die sich bereits auf den Weg zum Saturnsystem befindet. Auf Grund eines glücklichen Umstands, kann er in der „Tachmasib“ mitfliegen. Die Besatzung des Raumschiffs bricht zu einem Inspektionsflug durch das Sonnensystem auf. An Bord befinden sich der Kapitän Alexej Bykow, der Generalinspektor Wladimir Jurkowski, der Navigator Michail Krutikow und der Bordingenieur Iwan Shilin.
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| Erde - Mars - Asteroidengürtel - Saturn - Jupiter - Asteroidengürtel - Erde |
Es ist geplant, von der Erde zum Mars, von dort in den Asteroidengürtel, weiter zum Saturn und seinen Monden, dann per „Oversun“ zum Jupitersystem, von dort wieder in den Asteroidengürtel und danach zurück zur Erde zu fliegen.
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| Mond Rhea |
Planet Mars |
Der Mars weist eine primitive Flora und Fauna auf. In letzter Zeit sahen sich die Forscher verstärkt Angriffen durch eine einheimische Tierart, den sogenannten Mars-Flugegeln ausgesetzt.
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| Treibjad |
Mars-Flugegel |
Die Leitung der Station „Warme Syrte“ beschließt, eine Treibjagd auf die Flugegel zu veranstalten. Zu diesem Zeitpunkt erreicht die „Tachmasib“ den Planeten. Jurkowski, Shilin und Borodin nehmen an der Treibjagd teil.
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| Asteroid Eunomia |
Asteroid Bamberga |
Nächster Haltepunkt der Reise ist die Station auf der „Eunomia“, einem Objekt im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Die dortige Forschungsgruppe widmet sich dem Studium der Gravitation. Der Generalinspektor und seine Begleiter sind von der Einsatzfreude und den Forschungsergebnissen der Station sehr beeindruckt.
Der Besuch auf der Bamberga, einem weiteren Asteroiden, gestaltet sich weniger erfreulich. Hier befindet sich eine Bergbaumine der „Space Pearl Ltd.“, in der es in letzter Zeit vermehrt zu ungeklärten Zwischenfällen kam. Die Situation ist mit der vergleichbar, die in dem Film „Outland – Planet der Verdammten“ (mit Sean Connery) beschrieben wird. Jurkowski versucht, Kraft seines Amtes Ordnung und Sicherheit auf dieser Station wiederherzustellen.
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| Saturnmond Dione | Planet Saturn |
Im Anschluss geht die Reise weiter in das Saturnsystem. Auf dem Mond Dione befindet sich ein Observatorium, dessen Arbeit durch den Generalinspektor kontrolliert wird.
Danach endet die Reise für Jura Borodin, ein Versorgungsschiff bringt ihn zu seiner Arbeitsgruppe. Inzwischen überreden Jurkowski und Krutikow ihren Kapitän, ihnen eine letzte Erkundungsfahrt über den Saturnringen zu erlauben. Bykow ist nicht begeistert, weil er sie nicht begleiten kann. Außerdem befürchtet er, dass Jurkowski, bekannt für seinen Hang zum Risiko, sich von seinem Forschungseifer hinreißen lässt und unvorsichtig werden könnte. Leider endet dieses Unternehmen tragisch.
Hintergrund
Der Episodenroman „Praktikanten“ ist die Fortsetzung zur Erzählung „Der Weg zur Amalthea“ und erschien 1962 in der ehemaligen Sowjetunion.
Die deutsche Übersetzung sollte ursprünglich 1992 im Verlag Das Neue Berlin herausgegeben werden, wozu es aber nicht mehr kam. Das geplante Cover dieses Strugatzki-Bandes ist auf der Seite von Ivo Gloss zu finden. Das Taschenbuch des Aufbauverlages stellt die zur Zeit einzige auf Deutsch erschienene Ausgabe der "Praktikanten" dar.
Die im Roman dargestellten Umweltverhältnisse auf dem Mars entsprechen dem Wissenstand der 1950er Jahre.
Mit diesem Roman nimmt die Vorstellung der Strugatzkis von einer zukünftigen Welt Gestalt an. Der Zukunftszyklus „Mittag, 22. Jahrhundert“ entspricht ihrem Bild vom Leben der Menschen im Kommunismus. Im Englischen findet man auch den Begriff Noon-Universum.
Die Grundzüge der zukünftigen Gesellschaft werden wie folgt beschrieben:
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In dieser Welt ist jeder Bürger frei von ökonomischen Zwängen, das Geldsystem existiert nicht mehr.
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Wissen stellt das höchste Gut dar. Lehrer übernehmen die Erziehung der jungen Generation. Der Bordingenieur Shilin formuliert deren Aufgabe so: „Früher galt es vor allem dem Menschen die Freiheit zu geben, das zu werden, was er sein will. Jetzt aber heißt es, ihm zu zeigen, wie er werden muss, damit er wie ein richtiger Mensch glücklich werden kann.“ ([1], S. 132)
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Die Menschheit ist geeint, es herrscht Frieden auf der Erde und jedem Bewohner ist ein hoher Lebensstandard garantiert. Jedem Menschen steht es frei, sich einzubringen und eine sinnvolle und interessante Aufgabe zu finden. Der Sinn des Lebens wird darin verstanden, tätig zu sein und seinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.
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Die Menschheit weitet ihren Lebensraum auf andere Planeten aus. Mit außerirdischen Lebensformen wird ein friedliches Zusammenleben angestrebt.
Viele Merkmale dieser Zukunftswelt ähneln denen anderer utopischer Welten, wie zum Beispiel dem Star Trek – Universum nach Gene Roddenberry. Auch auf Anarres in „Planet der Habenichtse“ von Ursula K. Le Guin wird die Entstehung einer Gesellschaft nach ähnlichen Prinzipien angestrebt.
Der Roman spielt in der Zeit des Übergangs zur „Welt des Mittag“. Auf der Erde existieren die beiden Machtblöcke mit jeweils rund 2 Milliarden Einwohnern, die sich aber nicht mehr feindlich gegenüber stehen. Der ökonomische Wettkampf ist entschieden. Auch wenn im Roman nicht ausdrücklich erwähnt, muss es eine zentrale Administration geben, die Gesetze im Namen aller Menschen beschließt.
Rund 10 Jahre sind in der fiktiven Zukunftswelt seit der Amalthea - Erzählung vergangen. Die Helden sind älter geworden, der Planetologe Dauge darf aus gesundheitlichen Gründen nicht an dieser Reise teilnehmen und bleibt einsam auf der Erde zurück. Auch für Jurkowski und Krutikow wird es die letzte Reise sein.
Ganz kurz wird dem Leser Bykows Sohn Grigori vorgestellt. Viele Jahre danach wird dessen Sohn Anton einen Langzeitflug unternehmen, der ihn erst nach ca. 150 – 200 Jahren zur Erde zurückkehren lässt, mitten in die Welt des „Mittag, 22. Jahrhundert"...
Persönliche Wertung
Den Roman habe ich 1994 in einer Jenaer Buchhandlung gefunden. Sein Inhalt überraschte und beeindruckte mich. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt, dass es weitere Geschichten um Bykow und seine Mannschaft gab.
„Praktikanten“ ist das Buch, das mich von den Erstlingswerken am meisten anspricht und immer wieder zum Lesen seiner Geschichten anregt.
Es sind die sympathischen und liebevoll gezeichneten Figuren in einer freundlichen Welt, in der zu verweilen so angenehm ist. Den Strugatzkis gelingt es, die Botschaft von ihrer Zukunftswelt behutsam in eine spannende und unterhaltsame Geschichte einzubetten. Dem Leser wird das Gefühl vermittelt, diese Welt existiert wirklich oder könnte so existieren. Sie ist gut durchdacht und die einzelnen Elemente passen zueinander. Die Gedanken und Gefühle der Figuren sind nachvollziehbar. Ihre Alltagsprobleme könnten die unseren heute sein. Hier agieren keine edlen und irgendwie „hochentwickelten“ Zukunftsgeschöpfe, sondern Menschen, die aus unserer Zeit stammen könnten. Sie kennen ebenso Kummer und Sorgen. Aber sie sorgen sich nicht um ihre Existenz, sondern sie beschäftigt in erster Linie ihre Arbeit.
Ihre Gefühle unterscheiden sich nicht von unseren. Die Trauer des Freundes Dauge, der zurückbleiben muss, spürt der Leser so intensiv, dass es fast schmerzt. Juras Scham, nachdem er von Shilin wegen seines Fehlverhaltens gerügt wurde, hat wohl jeder schon einmal in ähnlicher Situation so empfunden.
Viele kleine Details machen den Roman besonders unterhaltsam. Es bringt mich zum Schmunzeln, wie die Astronomen der Beobachtungsstation auf dem Mars den durch ihre Unbedachtsamkeit angerichteten Schaden vor Ihrer Chefin verheimlichen bzw. herunterspielen wollen oder wie sich die Männer verhalten, wenn sich der Besuch ihres Verehrers ankündigt.
Da der Roman in der Phase des Übergangs spielt, gibt es immer wieder Situationen, in denen über die beiden Gesellschaftssysteme diskutiert wird. Die geschilderten Diskussionen sind frei von irgendwelcher Dogmatik. Es kommt zu einem fairen Gedankenaustausch. Zwar ist der Ausgang schon vorgezeichnet, aber mögliche Probleme werden deutlich artikuliert und somit ernst genommen. Die Vorteile der Zukunftswelt der Strugatzkis überzeugen.
In „Praktikanten“ tritt die Persönlichkeit des Bordingenieurs Shilin immer mehr in den Vordergrund. Es ist erkennbar, dass er im besonderen Maße die Position der Autoren vertritt. Im Laufe der Geschichte überdenkt er seine beruflichen Perspektiven. Er hat das Gefühl, sein Platz wäre zukünftig auf der Erde. Shilin möchte an der Erziehung der Jugend mitwirken, er möchte Lehrer sein. Deutlich vermittelt er, dass man den Gegenstand seiner Arbeit lieben muss. In vielen Situationen wird sein inspirierendes und positives Menschenbild deutlich. Einige seiner Gedanken könnten in eine Zitatensammlung aufgenommen werden, weil sie von großer Weisheit und tiefer Einsicht erfüllt sind.
Die Strugatzkis lassen der Geschichte viel Zeit. Die Entscheidung wird erst am Ende des Romans gefällt und ist dann einleuchtend. Ihre Botschaft an den Leser ist, dass sie sich jetzt stärker dem Leben der Menschen und den Problemen auf der Erde zuwenden werden. (Oleg Šestopalov in [2], S. 56)
Zum Buch
| Russischer Originaltitel: | Стажёры |
| Autoren: | Arkadi und Boris Strugatzki (auch Strugazki) |
| Deutsch: | Aljonna Möckel und Erik Simon |
| Verlag: | Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 1994 |
| Seitenzahl: | 281 |
| Ausgabe: | Taschenbuch, mit Ruinen und Mars-Egeln auf dem Cover |
Quellen
[1] Praktikanten - Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 1994
[2] Quarber Merkur 93/94 - Franz Rottensteiners Literaturzeitschrift für SF und Phantastik
Die Bilder der Himmelskörper wurden mit der freien Software Celestia erstellt.
Das Bild Treibjagd: © innovari - Fotolia.com
Das Bild Mars-Flugegel in der "Alten Basis" wurde zusammengesetzt aus:
© Voyant - Fotolia.com und Mars-Flugegel - eigene Zeichnung nach einem Motiv von Rainer Fischer (Buchcover: Praktikanten, 1. Auflage Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 1994)










