05.07.2010

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Startende Chius

Eine Gruppe von sechs Raumfahrern unternimmt mit dem neuen Photonenraumschiff „Chius“ einen Flug zur Venus. Frühere Entdeckungsreisen zum Schwesterplaneten der Erde waren gescheitert. Entweder gelang es nicht zu landen, einige Expeditionen gingen verloren oder die Forscher mussten ohne Ergebnisse starten, konnten nur mit knapper Not ihr Leben retten. Die Venus gab ihre Geheimnisse nicht preis. Die dichte und stürmische Atmosphäre machte eine gezielte Suche nach einem geeigneten Landeplatz unmöglich und erschwerte den Flug über der Planetenoberfläche.

Die Besatzung der Chius hat die Aufgabe, einen geeigneten Landplatz zu finden und mit Funkfeuern zu markieren. Die Geheimnisse des rätselhaften Atomvulkans Golkonda und eine mögliche Nutzung der reichen Vorkommen an schweren und überschweren Elementen sollen erforscht werden.

Verantwortlich für die Auswahl der Mannschaft und die Planung des Fluges der Chius ist Krajuchin. Er besuchte in der Vergangenheit schon selbst die Venus, kann aber aus gesundheitlichen Gründen und auf Grund seines Alters nicht an der Expedition teilnehmen.

Expeditionsleiter Jermakow möchte die Venus einfach nur bezwingen und führt die Gruppe unbeugsam und streng, allein ausgerichtet auf die Erfüllung der Aufgabe. Der Navigator Krutikow und der Pilot Spizyn unterstützen ihn beim Flug zur Venus.

Die Geologen Dauge und Jurkowski gehören ebenfalls zur Besatzung und wollen die Geheimnisse des Atomvulkans Golkonda erforschen.

Bykow, ein Wüstenspezialist, wird nach der Landung auf dem Planeten das Erkundungsfahrzeug steuern. Er ist auch gleichzeitig die Bezugsperson des Lesers, die Geschichte wird aus seiner Sicht erzählt.

Der Flug zur Venus und die mehr oder weniger blinde Landung gelingen, wenn auch ein Sumpf als Landeplatz nicht gerade ideal erscheint. Die Raumfahrer entdecken auf dem Planeten urzeitliche Pflanzen und Tiere und müssen sich einiger Angriffe erwehren.

In dem Erkundungsfahrzeug, dem „Knaben“, unternehmen einige Besatzungsmitglieder eine Foschungsreise zur Urangolkonda. Sie erleben viele aufregende und spannende Abenteuer. Der Planet Venus zeigt seine gefährliche Seite, die Reise endet teilweise tragisch. Letztendlich trägt Bykow entscheidend dazu bei, dass die Expedition ein erfolgreiches Ende nimmt.

Raumfahrer und die Chius Die Venus ein wüster und karger Planet
Raumfahrer und die "Chius"
Venus - ein wüster und karger Planet

Hintergrund

Als Ende der 50er Jahre mit „Atomvulkan Golkonda" der erste Roman von Arkadi und Boris Strugatzki veröffentlicht wurde, waren in der Sowjetunion schon einige phantastische Bücher erschienen. Das Werk des Autorenpaares unterschied sich merklich von diesen. Die Strugatzkis verzichteten auf die sonst übliche breite Darstellung des Klassenkampfes und die erhoffte zukünftige Überlegenheit des Kommunismus.

Ihr überragender Erzählstil hob ihr Werk schon damals aus der Masse der phantastischen Publikationen hervor. Sie schrieben einfach eine gute Story. Das Manuskript ihres Erstwerkes wurde mit einem staatlichen Preis ausgezeichnet. (Erik Simon, [2], S. 12)

Der erste Roman stellt den Auftakt für weitere Geschichten dar, die um das Jahr 2000 spielen und in der Erzählung „Der Weg zur Amalthea" und dem Episodenroman „Praktikanten" ihre Fortsetzung finden. Diese drei Werke stellen die Vorgeschichte zum Zukunftszyklus „Mittag, 22. Jahrhundert" dar, der die Strugatzkis bei ihren Fans so beliebt machte.

Die im Roman dargestellten Umweltverhältnisse auf der Venus entsprechen dem Wissenstand der 1950er Jahre.

Im Frühjahr 2012 brachte der Golkonda Verlag Berlin eine aufwendig und liebevoll gestaltete Neuauflage des Romans heraus. Diese neue Fassung ist mit dem rekonstruierten, unzensierten und 1993 auf Russisch erschienen Original abgeglichen. Sie wird komplettiert durch ein Kapitel aus einer frühen Arbeitsfassung des Romans, Kommentare Boris Strugatzkis sowie ein Nachwort und Anmerkungen von Erik Simon. ([3], Klappentext)

Persönliche Wertung

„Atomvulkan Golkonda" habe ich erst Anfang der 90er Jahre in einem Antiquariat in Jena entdeckt. Damals hatte ich schon einige Bücher der Strugatzkis gelesen, aber ihre Frühwerke wurden nach ihrer Erstveröffentlichung in den 60er Jahren nicht erneut verlegt und waren mir deshalb unbekannt.

Natürlich müssen Ausdruck und Sprache des Romans im Zusammenhang mit der damaligen Zeit gesehen werden. Auch wenn die Handlung zeitlich rund 50 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs angesiedelt ist, sind Art und Weise des Umgangs der handelnden Personen vom Geist der 50er Jahre geprägt. Es wird befohlen, angewiesen, abgekanzelt, gelobt – ein ziemlich militärisch geprägter Stil.

Bemerkenswert finde ich, wie die Autoren es mit einfachen Worten erreichen, eine Person oder Situation so detailliert zu beschreiben, dass man sich den Betreffenden gut vorstellen und sich in die Handlung hineinversetzen kann.

Besonders gut gefällt mir die Darstellung der einzelnen Figuren.
Den Ehrgeiz und die Entschlossenheit des Expeditionsleiters Jermakow beschreiben sie so: „ ... seine Hände sind zu Fäusten geballt, die Knöchel weiß ...". ([1], S. 42)
Der Aufenthalt in der „Chius" wird in einem ruhigen Moment der Handlung mit: „... Ein weiches, mattes Licht erhellte die Messe. Alles war stabil, anheimelnd, friedlich ..." beschrieben. Die Beziehungen zwischen den Besatzungsmitgliedern sind kameradschaftlich. Die meisten sind miteinander befreundet oder kennen sich schon längere Zeit. In den Gesprächen, bei denen es sich oft um kleine Kabbeleien unter Wissenschaftlern handelt, werden Gedanken über neue Forschungsergebnisse aus den Gebieten Atomphysik, Relativitätstheorie, Genetik, Geologie, u.v.a.m. ausgetauscht. Einige der dargestellten Theorien sind zwar mittlerweile überholt, den Gesprächen zu folgen ist trotzdem amüsant und unterhaltsam, weil viele Mitglieder der Expedition einem mit der Zeit regelrecht ans Herz wachsen.

Die Bezugsperson des Lesers, Alexej Bykow, vollzieht im Laufe der Handlung eine äußerst interessante Entwicklung. Er wirkt anfangs unsicher, weiß nicht, für welche Aufgabe er vorgesehen ist und warum man ihn ausgewählt hat. Verstärkt wird diese Unsicherheit durch die scheinbar überlegene Erfahrung der anderen Besatzungsmitglieder und die anfängliche Ablehnung durch den Geologen Jurkowski. Auf die Frage Krajuchins, ob er an der Expedition teilnehmen möchte, antwortet er: „Wenn Sie meinen, dass ich den Anforderungen gewachsen bin, nehme ich an." ([1], S. 15).

Später gibt er zu, sich am Ende der Befehlskette stehend zu fühlen. ([1], S. 126)

Nach der Landung auf der Venus kommen seine in ihm schlummernden Talente und Fähigkeiten immer deutlicher zum Vorschein. Kompetent und bedachtsam lenkt er das Erkundungsfahrzeug. Als die Expedition fast in einer Katastrophe endet, führt er die Gruppe zur „Chius" zurück. Er motiviert seine Kameraden, wird zu ihrem Anführer und trägt entscheidend zum Erfolg des Unternehmens bei.

In den nachfolgenden Erzählungen entsteht der Eindruck, dass seine Kameraden Dauge, Jurkowski und Krutikow zu ihm aufschauen. Er ist der Anführer, sein Wort hat Gewicht, sie vertrauen ihm.

Mich beeindruckt dieser Bykow . Er ist zu einer meiner Lieblingsfiguren der Strugatzkis geworden. Eine Geschichte, in der ein Held nur auf Grund seiner Fähigkeiten und Kompetenz erfolgreich ist, motiviert mich und bewegt mein Herz.

Zum Buch

Russischer Originaltitel: Страна багровых туч (Das Land der Purpurwolken)
Autoren: Arkadi und Boris Strugatzki (auch Strugazki)
Deutsch: Willi Berger
Verlag: Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin 1961
Seitenzahl: 288
Ausgabe: Gebunden mit Schutzumschlag (Cover: Startende "Chius")

Quellen

[1] Atomvulkan Golkonda - Verlag Kultur und Fortschritt Berlin 1961

[2] Quarber Merkur 93/94 - Franz Rottensteiners Literaturzeitschrift für SF und Phantastik

[3] Atomvulkan Golkonda - Golkonda Verlag Berlin 2012

Bild Ein Raumfahrer und die "Chius": © Stefan Schiessl - Fotolia.com (bearbeitet) und Bild der Chius - eigene Zeichnung nach einem Motiv von Werner Ruhner (Atomvulkan Golkonda 1. Teil, Kleine Jugendreihe, Verlag Kultur und Fortschritt 1961, S. 60)

Bild Startende Chius: eigene Zeichnung nach einem Motiv von Werner Ruhner (Atomvulkan Golkonda 1. Teil, Kleine Jugendreihe, Verlag Kultur und Fortschritt 1961, S. 60)

Bild Die Venus ist ein wüster und karger Planet.: © 3dpixs.com - Fotolia.com (bearbeitet)