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(Jean Paul)

Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein

11.08.2011

Der Roman „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" spielt im „Mittags"-Zyklus der Strugatzkis.

Zum Inhalt

Don Rumata
Don Rumata

Im 22. Jahrhundert entdecken Forscher bei ihren Reisen durch das Weltall einen Planeten, der in vielerlei Hinsicht der Erde gleicht. Während auf der Erde die Menschen in einer friedlichen und glücklichen Welt leben, herrschen auf dem Schwesterplaneten mittelalterliche Verhältnisse.

Von der Erde ausgesandte Kundschafter studieren das Leben der Bewohner. Sie haben strikte Anweisung, nur zu beobachten und sich keinesfalls einzumischen. Anton ist einer von ihnen. Getarnt als Rumata von Estorien lebt er bereits einige Jahre in Arkanar am Hof des Königs. Er ist ein angesehener Adliger und sehr beliebt. Man schätzt sein einnehmendes Wesen und sein vornehmes Auftreten. Sogar seine Feinde zollen ihm Respekt und Achtung. Gerühmt und gepriesen werden Rumatas überlegene Fähigkeiten im Umgang mit dem Schwert. Man glaubt, er sei unverwundbar. Außerdem scheint er über unbegrenzte finanzielle Mittel zu verfügen.

Niemand kann das Geheimnis seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten erahnen: Auf der Erde wurde Anton durch ein intensives Training in verschiedenen Kampftechniken ausgebildet. Er trägt eine kugelsichere Weste. Seine Schwerter bestehen aus Stahl von einer Güte und Qualität, wie er auf dem Planeten wohl erst in einigen Jahrhunderten erzeugt werden kann. Zudem benutzt der Edelmann regelmäßig einen Materiewandler, um Goldstücke herzustellen.

Voller Sorge beobachtet Anton, wie sich das Leben im Land verändert. Don Reba, ein anfangs unbedeutender Beamter, gewinnt immer mehr Einfluss am königlichen Hof. Er wird erster Minister und engster Vertrauter des Königs. Seine grauen Sturmtruppen kontrollieren fast alle Bereiche des Königreichs. Künstler und Wissenschaftler werden verfolgt oder verschwinden unter ungeklärten Umständen. Der Besitz von Büchern, ja allein schon die Fähigkeit lesen zu können, reicht aus, um von Don Rebas Schergen gejagt, bedroht, eingesperrt oder getötet zu werden. Auf öffentlichen Plätzen werden Bücher verbrannt.

Don Pampa
Don Pampa

Anton versucht, so viele Künstler und Wissenschaftler wie möglich vor dem Zugriff der Sturmtruppen zu retten. Gleichzeitig bemüht er sich, bei Hofe nicht aufzufallen und gibt sich ganz der Rolle eines reichen Adligen hin. Mit Erschrecken stellt er fest, dass es ihm immer leichter fällt, als aufgeblasener und hochmütiger Edelmann aufzutreten. Er spinnt wie andere Höflinge Intrigen, nimmt an Sauf- und Fressgelagen seines Freundes Don Pampa und an Kampeleien mit den grauen Sturmtruppen teil. Insgeheim verachtet er sich dafür.

Zweifel nagen an seiner Seele und seinem Auftrag. Mehrmals versucht Anton seine Vorgesetzten davon zu überzeugen, die Beobachterrolle aufzugeben und in die besorgniserregende Entwicklung des Landes einzugreifen. Seinen Bedenken wird jedes Mal die allgemeingültige „Basistheorie des Feudalismus“ entgegengehalten. Die Verantwortlichen sind davon überzeugt, dass Krisen und dunkle Etappen zum üblichen Prozess der Gesellschaftsentwicklung gehören und überwunden werden. Außerdem wird Anton deutlich gemacht, dass es ihm frei stehe, jederzeit seine Beobachtertätigkeit zu beenden und zur Erde zurückzukehren.

Kyra
Kyra

Inzwischen ist Don Reba an seinem Ziel angelangt. Durch einen Putsch stürzt der Minister den König, ergreift die Macht und errichtet ein grausames Regime. Das Land stürzt in ein schreckliches Chaos aus Gewalt und Zerstörung. Niemand ist sich seines Lebens mehr sicher. Anton beweint das tragische Schicksal seiner geliebten Kyra. Ihr Tod ist der berühmte „Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“. Für ihn ist damit eine Grenze überschritten. Er gibt seinen gottähnlichen Beobachterstatus auf und setzt seine überlegenen Fähigkeiten ein, um den Tyrannen zu stürzen.

Hintergrund

Der Roman erschien 1964 im Verlag „Molodaja gwardija“ (dt. „Junge Garde“) in russischer Sprache. In der ehemaligen DDR wurde er 1975 im Verlag Volk und Welt Berlin unter dem Titel „Ein Gott zu sein ist schwer“ veröffentlicht. Zeitlich ist die Handlung Anfang bis Mitte der 20er Jahre des 22. Jahrhunderts einzuordnen. ([3], siehe The Chronicles of the XXII Century)

Die Strugatzkis schrieben zwar einen SF-Roman, verbanden jedoch geschickt eine phantastische Geschichte mit einer Kritik an den Verhältnissen in ihrem Land. Die im Roman erwähnte und sich in der betreffenden Situation als vollkommen untauglich erweisende „Basistheorie des Feudalismus“ ist ganz offensichtlich eine Interpretation der Theorie des „Historischen Materialismus“ von Karl Marx und Friedrich Engels. Die Verfolgung der Intellektuellen erinnert an die Zeit des Großen Terrors (Jeschowschtschina, 1936 bis 1938) in der Sowjetunion. Don Reba hieß in der Manuskriptfassung noch Don Rebija. Eine Parallele zu Berija, dem gefürchteten Geheimdienstchef Stalins, lässt sich leicht ziehen. Trotzdem kritisiert dieser Roman nicht nur die Zustände in der ehemaligen Sowjetunion. In vielen Staaten der Erde werden Intellektuelle immer wieder verfolgt. Auch zeigt die Geschichte, wie es Machthabern sehr häufig gelingt, den Pöbel zu manipulieren und für ihre Ziele einzuspannen. Menschen kamen und kommen nach wie vor in Situationen, in denen sie sich zwischen ihrer inneren Überzeugung und scheinbar höheren Notwendigkeiten entscheiden müssen. Dieses Thema beschäftigt die Autoren sehr und taucht in ihren Werken immer wieder auf. ([4], Erik Simon in Der Zukunftszyklus um das 22. Jahrhundert: Die Welt des Mittags)

Vergleichsweise steht die ursprüngliche Tätigkeit der Kundschafter im Einklang mit der „obersten Direktive", die SF-Anhänger aus Star Trek kennen. Erst in den folgenden Werken der Strugatzkis, bspw. in „Die bewohnte Insel“ versuchen sogenannte Progressoren auf die Entwicklung anderer Zivilisationen Einfluss zu nehmen.

Der Roman wurde 1989 unter dem Titel „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ von Peter Fleischmann verfilmt. Ein Trailer kann «hier» angesehen werden.

Im Jahr 2000 wurde mit einer Neuverfilmung des Buches durch den Regisseur Aleksei German begonnen. Der Film befindet sich seit 2006 in der Bearbeitungs- und Post-Production-Phase und soll den Titel „History of the Arkanar Massacre" tragen. ([5] - Article „History of the Arkanar Massacre" auf Wikipedia)

Persönliche Wertung

Der Roman „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ ist mein Lieblingsbuch der Strugatzkis. Ich habe dieses Buch schon sehr häufig gelesen. Wenn es mir schlecht ging, fand ich darin Trost. Wenn ich neuen Mut schöpfen wollte, nahm ich es zur Hand und ließ mich von Antons Geschichte fesseln. Seine Zweifel, sein Ringen um Entscheidungen, seine Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Umständen und seine Art, diese Probleme zu lösen, bewegten und bewegen mich immer wieder aufs neue. Ich hatte oft das Gefühl, Anton spräche mir aus der Seele.

Der Held des Romans animiert den Leser, aktiv zu werden, nicht alles stumm hinzunehmen. Anton-Rumata gibt seine Beobachterrolle auf, weil er Unrecht und Gewalt nicht mehr ertragen kann. Ihn bewegt das Schicksal der Menschen in seiner Umgebung. Er ist einer von ihnen geworden. Auch sieht er sich in der Verantwortung, weil es in seiner Macht steht, die Dinge zum Positiven zu wenden.

Don Rumata und Budach im Gespräch
Don Rumata und Budach im Gespräch

Zwei Szenen des Romans faszinieren mich besonders. In der einen fordert Rumata den Gelehrten Budach auf, Gott einen Rat zu geben, um die Welt vom Leid zu befreien … Dieses philosophische Gespräch kann zwar die Probleme dieser Welt nicht lösen, ist aber überaus inspirierend und lässt den Leser noch lange darüber nachdenken.

Die zweite Szene spielt im „Turm der Fröhlichkeit“, einem berüchtigten Gefängnis von Arkanar, kurz nach der Machtübernahme Don Rebas. Die Bürger Arkanars müssen sich an diesem Ort einfinden, um ihr früheres Verhalten beurteilen zu lassen. Dabei ergeben sich recht absurde Situationen, die an Szenen aus einem Monty-Python-Film erinnern. Die Richter sind bürokratische Mönche. Vollkommen humor- und gefühllos beurteilen sie die Delinquenten. Die Strafen werden sofort vollstreckt: „… wegen Schmähung des Namens seiner Herrlichkeit … wird verfügt: Drei Dutzend Schläge auf die entblößten Weichteile und Küssen des Schuhs seiner Herrlichkeit. … Gehen Sie in diesen Korridor … die Schläge rechts, der Schuh links. Der nächste …“ ([1], S. 175) Nach der Verhandlung sollen die Bürger einen Armreifen erhalten, der ihre „Reinheit von aller Schuld" anzeigt. In dieser Szene ist beeindruckend dargestellt, wie Rumata das Terrorregime mit seinen eigenen Waffen schlägt. Er entwendet dreist eine große Menge Armreifen. Seinen Diebstahl begründet der Edelmann mit dem Ausruf „Im Namen des Herrn“. Den Zeugen dieses Vorgangs bleibt nur, reflexartig mit der Formel „In seinem Namen“ zu antworten und seine Tat damit zu legitimieren.

Der Roman „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ regt seine Leser immer wieder zum Nachdenken an. Er ist nicht umsonst der beliebteste SF-Roman der Strugatzkis. Ich empfehle ihn jedem Leser, der sich für gute SF-Literatur interessiert.

Zum Buch

Anderer Titel: Ein Gott zu sein ist schwer
Russischer Originaltitel: Трудно быть богом (Es ist schwer, ein Gott zu sein)
Autoren: Arkadi und Boris Strugatzki (auch Strugazki)
Deutsch: Hermann Buchner
Verlag: Verlag Ullstein GmbH 1990
Seitenzahl: 207
Ausgabe: Paperback

Quellen

[1] Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein – Verlag Ullstein GmbH 1990

[2] Quarber Merkur 93/94 - Franz Rottensteiners Literaturzeitschrift für SF und Phantastik

[3] The Chronicles of the XXII Century - BROTHERS STRUGATSKY

[4] Der Zukunftszyklus um das 22. Jahrhundert: Die Welt des Mittags  – Erik Simon

[5] Article „History of the Arkanar Massacre" auf Wikipedia

Das Bild Rumata und Budach im Gespräch: © Voyant - Fotolia.com (bearbeitet)

Die Bilder des Don Rumata, Don Pampa, Kyra und des Budach sind Nachzeichnungen nach Szenen aus dem Film "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" von Peter Fleischmann.

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